„Herbst“ und „Wettbewerbsfähigkeit“

Es gibt Wörter, deren Bedeutungssphären einander abstoßen wie umgekehrte Magneten – so die beiden, die ich heute in der Zeitung gefunden habe. Ein berühmtes Geschichtsbuch aus den 1920er Jahren trägt den Titel „Herbst des Mittelalters“; sein Autor, Johan Huizinga, konnte allein durch diesen Titel den großen Graben bezeichnen, der die Zeit der Ritter und der Minne trennt von der Neuzeit, der Zeit der Stadtbürger und des modernen Steuerstaats, in der das Geld und immer mehr der Wettbewerb regiert ( – und zwar so sehr regiert, dass manche sogar das Maß des göttlichen Wohlwollens an ihrem persönlichen Reichtum ablesen wollten). Denn das Mittelalter hat, wie das Jahr, einen Anfang und ein Ende, man kann ihm ohne weiteres einen Herbst zuschreiben – „Herbst“, das ist ein romantisches Wort, sehr menschlich, sehr lyrisch, sehr schön; voller Melancholie, noch satt vom Sommer und schon nah am Tod.

Dies alles geht der Neuzeit ab; kann man sich vorstellen, dass sie je stürbe? Sie schreitet immer weiter fort, wohin auch immer. Sie kann gar nicht enden, weil immer jemand den Wettbewerb weiterführt. Aber ist sie deshalb kälter und weniger human? Man hüte sich vor der Suggestivkraft der Worte. Ein Wort wie „Wettbewerbsfähigkeit“ mag klingen wie ein Porsche: teuer, laut, vorn. Herzlos. Aber Wettbewerb macht ja auch Spaß, Siegen erhöht den Menschen, das wussten auch die Ritter; und wer Huizinga gelesen hat, wird sich auf keinen Fall zurücksehnen in das Mittelalter, das oft bunt und exaltiert war, um die Tristesse des Alltags zu verdecken.[1]

 

Geschrieben im September 2017.

 

[1] Johan Huizinga, Herbst des Mittelalters, München (Drei Masken Verlag) 1928 S. 376.